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 Auf Seite 266 von Band II/8 der Kirchengeschichte in Einzeldarstellungen schreibt Ernst Koch: „Der kurbrandenburgische Hof trug einen großen Anteil an der Einigung des Luthertums in der Konkordienformel.“  Dazu passend ist dokumentiert, dass Markgraf Johann Georg als einer von 3 Kurfürsten (neben dem sächsischen und dem Pfalzgrafen bei Rhein) die Concordia von 1580 unterschrieb.

 

 Doch dieser Rahmen für das kirchliche Leben Brandenburgs blieb nicht lange intakt. Joachim Friedrich, der Sohn und Nachfolger von Johann Georg, erst recht aber Johann Sigismund, sein Enkel, gingen Schritte, die zu Anderem führten. Anderer Geist bekam zunächst Einfluss mehr nur auf die Gottesdienstordnung; und lediglich in einer Art Nebenteich wurde soetwas wie ein einzelner Stein in still ruhendes Wasser geworfen, ohne dass gleich klar war, wie viel an Wellenschlag dadurch nach Brandenburg wandern würde: Während eines Aufenthalts in der Kurpfalz konvertierte Johann Sigismund zum Calvinismus – „heimlich“, wie auch Ernst Koch schreibt (aaO., S. 267) – bevor er zwei Jahre später, seinem Vater folgend, Landesherr wurde.

 Dazu erklärt Karl Heussi (§ 92 t):

 Seine Absicht war, nach dem Vorbild der Pfalz seine Untertanen ebenfalls calvinisch zu machen.“ Doch: „Die Städte widersetzen sich dieser Absicht des Kurfürsten und erhielten durch einen Revers von 1615 den dauernden Bestand ihres lutherischen Bekenntnisses zugesichert.

 Ernst Koch spricht für die Zeit vor dem Weihnachtsfest des Jahres 1613 von „Unruhen unter der Bevölkerung Berlins“, nachdem am Hof prominenter Besuch aus reformierten Ländern empfangen worden war; dennoch habe Johann Sigismund vom 25. Dezember zusammen mit Würdenträgern seines Landes sowie aus England das heilige Abendmahl reformiert gestaltet gefeiert. Die Kurfürstin Anna sei dem Gottesdienst aber ferngeblieben. „Sie und ihre lutherischen Konfessionsgenossen bekamen einen eigenen Hofprediger, und sie zeigte, dass ihr der Schritt ihres Ehegatten auch in Zukunft fremd blieb.“   aaO., S. 268.

 

Schließlich schreibt Koch summarisch:

 Die reformierte Konfessionalisierung Kurbrandenburgs beschränkte sich vom Ansatz her offiziell auf den Hof, konnte aber wegen ihrer strategischen Begleitumstände und ihrer politischen Dynamik nicht spruchlos am Land vorübergehen.

Und für den Enkel von Johann Sigismund, den sog. Großen Kurfürst (1640 – 1688) heißt es:

 Die Zunahme an wirtschaftlichen und militärischen Möglichkeiten nutzte er dazu, aber Mitte der 50er Jahre die reformierte Kirchlichkeit auch außerhalb des Hofes zu Ungunsten der Lutheraner zielgerichtet zu fördern. Im Jahre 1657 wurde die Verpflichtung auf die Konkordienformel für die Lutheraner abgeschafft. Eine Verordnung vom 2. Juni 1662 mahnte … zur Toleranz „bey ungleichen Meinungen“, verbunden mit einem deutlichen Bekenntnis zur „wahren Evangelischen Reformierten Religion“. „… unzeitige oder verhärtete Eiferer und Zeloten“ könnten sich „nach anderer Gelegenheit umthun“ und sich außerhalb des Landes eine Anstellung suchen. Künftig sollten alle Geistlichen den Text dieser Verordnung unterschreiben; später wurde sie auch bereits amtierenden Geistlichen zur Unterschrift vorgelegt. Als symbolische Bücher der Reformierten in Brandenburg erschienen nun

die Confessio Sigismundi von 1614,

der Abschied des Leipziger Kolloqiums von 1631

und die Deklaration von Thorn aus dem jahre 1645.

Mit einem Edikt vom 21. August 1662 wurde künftigen Theologen der Besuch der Universität Wittenberg untersagt. Dem Einfluss der lutherischen Landstände ist es zuzuschreiben, dass am 16. September 1664 den reformierten Pfarrern eine verzerrende Darstellung der lutherischen Lehre untersagt wurde. Am 9. Juni 1683 wurden die überkommene liturgische Kleidung der lutherischen Geistenlich und die Benutzung von Vortragekreuzen bei Begräbnissen verboten.   aaO., S. 269.

 

 In diesem Räderwerk kam es zu Opfern. Kurz gesagt, mit Karl Heussi (§ 95 o):

 Das Dekret rief auf lutherischer Seite heftigen Widerstand hervor; mehrere Amtsentsetzungen waren die Folge; unter den Abgesetzten war Paulus Gerhardt, der sich aus Gewissensbedenken dem Verbot nicht fügen konnte und deshalb 1666 sein Amt in Berlin verlor.

 

 Außerdem führte das andauernde, bekenntnisabbauende Streben der Brandenburger Landesherren von 1830 an zur Entstehung der sog. Altlutherischen Kirche. Sie schloss sich nach 1990 – im Zug der deutschen Wiedervereinigung – der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) an.

 Diese Kirche hat ihren Schwerpunkt zwar in den westlichen Bundesländern, einschl. ihrer Eingliederung in örtliche Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen (ACK). Dazu ist aber gerade von Brandenburg her (wegen ihrer Wurzeln dort) zu fragen, ob sie sich damit als Kirche von dem Geist regiert zeigt, der anzunehmen ist für

Kurfürstin Anna,

Paul Gerhardt,

Johann Gottfried Scheibel,

Ph. E. Huschke,

Heinrich Steffens,

die schlesische Gemeinde Hönigern,

Eduard Kellner,

Wilhelm Friedrich Besser,

Gerhard Heinzelmann?

 

 Will die SELK inzwischen "ökumenisch-lutherisch" sein, im Sinn der Verordnung zur Zeit des Großen Kurfürsts,

„dahin zu sehen und zu trachten, wie das unnötige Gezänck und disputiren auff den Cantzeln … dardruch der gemeine Mann nur geergert, der Kirchen aber nur geschadet und deren Erbauung mercklich gehindert wird, abgeschafft und aus der Kirchen hinweg gethan würde“

– zumal die gegenwärtige ökumenische Bewegung die römische-katholische Kirche einschließt?